Was ist AT?


Ataxia Teleangiectasia (AT) wird nach einer französischen Ärztin auch Louis-Bar-Syndrom genannt. Im englischen Sprachraum wird es als Ataxia telangiectasia (AT) bezeichnet. AT ist eine meist schwer verlaufende, fortschreitende, sehr seltene Erbkrankheit. Man schätzt, dass es in Deutschland ca. 250 Betroffene gibt. AT wird durch eine Veränderung eines einzelnen Gens – des ATM-Gens – verursacht. Das veränderte ATM-Gen liegt auf Chromosom 11, genauer 11q22–23. Beide Elternteile sind Träger der Krankheit, aber nicht selbst behindert (rezessiver Erbgang). Da die Erkrankung außerordentlich selten ist, ist nicht zu erwarten, dass sie bei irgendwelchen bekannten Vorfahren schon einmal aufgetreten ist. Sind in einer Familie beide Elternteile Genträger, so kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 % erwartet werden, dass ein Kind behindert sein wird; es trägt zwei veränderte Gene.




Bewegungstörung

Kennzeichnend für alle Betroffenen ist die Ataxie (engl.: ataxia), eine Störung der Koordination von Bewegungsabläufen. Diese wird durch Schädigung des Kleinhirns (Cerebellum) ausgelöst. Aus noch nicht geklärter Ursache kommt es zu einem Untergang von Nervenzellen. Dies lässt sich als Kleinhirnatrophie im Kernspintomogramm (MRT) nachweisen. Das Kleinhirn hat vielfältige Funktionen. Es hält z. B. die normale Spannung der Muskeln aufrecht, reguliert das Gleichgewicht, sorgt dafür, dass Einzelbewegungen genau gezielt ablaufen. Wenn wir z. B. mit einem Löffel Suppe essen, so wird der Löffel bei normaler Kleinhirnfunktion gerade gehalten und wackelt nicht. Das Kleinhirn ist normalerweise bei AT-Kindern zunächst normal angelegt, so dass sie nach der Geburt die üblichen Bewegungsabläufe wie Krabbeln und Laufen (fast) wie nicht behinderte Kinder erlernen können. Oft treten zunächst sehr unspezifische Symptome auf wie unsicheres Laufen (Clownsgang), die noch nicht einem Behinderungsbild zugeordnet werden können. Im Laufe der Zeit sterben dann immer mehr Kleinhirnzellen ab. Dies bewirkt das Fortschreiten der Behinderung. Ab dem 10. Lebensjahr wird der Gang immer unsicherer, so dass die Kinder dann auf den Rollstuhl angewiesen sind. Andere Teile des Gehirns wie Sprache und Schluckbewegungen sind, wenn auch geringer, ebenfalls betroffen. Teleangiektasien sind bleibende Erweiterungen kleiner Blutgefäße. Sie treten meist erst ab dem 6 Lebensjahr zunehmend auf. Die Teleangiektasien haben der Behinderung ihren Namen gegeben. Sie sind meist zuerst im Weißen (der Lederhaut) der Augäpfel zu finden (Conjunctiva bulbi). Bei fast allen Betroffenen ist ein bestimmtes Protein, Alpha-1-Fetoprotein (AFP), deutlich erhöht im Blut nachweisbar. Da AFP bei Säuglingen immer erhöht ist, kann die Bestimmung des AFP erst ab dem zweiten Lebensjahr zur Diagnose herangezogen werden. Zusammen mit einer Ataxie ist es ein fast sicheres Zeichen für AT




Abwehrlage – Lungenerkrankung – Krebs

Zahlreiche Betroffene leiden unter einer schweren Störung der immunologischen Abwehr. Diese bezieht sich auf wiederkehrende Erkrankung der Luftwege, meist zuerst der Nebenhöhlen (Sinusitis) und der Ohren (Otitis), später auch der Luftröhre (Bronchien) und dann vor allem der Lunge (Pneumonie). Durch die häufigen Bronchitiden (ein typisches Symptom ist der Husten) werden die einzelnen Zweige der Luftröhre verändert und geschädigt. Es bilden sich entweder Bronchiektasen oder eine Erkrankung des Lungengewebes (Lungenfibrose) aus. Die zunehmende Erkrankung der Atemwege ist die häufigste Todesursache der Patienten.


Die Abwehrschwäche lässt sich im Blut nachweisen. Regelhaft besteht eine Erniedrigung der weißen Blutkörperchen (Lymphopenie) und es sind die Immunglobuline erniedrigt. Dies betrifft insbesondere das Immunglobulin IgA, und die IgG-Subklassen. Das IgG besteht aus vier Untergruppen. Dabei sind bevorzugt die Untergruppen IgG-2 und IgG-4 erniedrigt. IgM ist dagegen oft erhöht. Schwere Erkrankungen sind nur mit wiederholter Antibiotikagabe zu bekämpfen. In einigen Fällen kann die vorliegende Abwehrschwäche durch eine vorbeugende Gabe von Antibiotika (Azithromycin 10mg/kg/Körpergewicht Montags/Mittwochs und Freitag) oder durch Immunglobuline günstig beeinflusst werden. Immer ist darauf zu achten, dass alle empfohlenen Impfungen einschließlich der Grippeschutzimpfung durchgeführt werden.


AT-Betroffene müssen mit einem sehr hohen Risiko, an Krebs zu erkranken, leben. Dieses Risiko ist etwa 200- bis 1.000-mal so groß wie bei Nichtbetroffenen. Es kommt besonders häufig zu Lymphdrüsenkrebs (Lymphom) und Blutkrebs (lymphatische Leukämie). Alle anderen Krebsformen treten auch auf, aber deutlich seltener. Ursache ist ein Mangel bei der Erkennung und Beseitigung von Chromosomenbrüchen, die im Körper ständig auftreten. Deshalb sollten Röntgenaufnahmen nur durchgeführt werden, wenn Bronchitiden gehäuft auftreten und es die fortschreitende Lungenerkrankung erfordert. Eine Krebstherapie ist schwierig, aber prinzipiell möglich. Eine Strahlentherapie kann überhaupt nicht oder nur mit stark verminderter Dosisdurchgeführt werden. Auch eine Chemotherapie ist nicht immer mit den üblichen Medikamenten durchführbar. Trotzdem sind Behandlungen meist lebensrettend. Als mögliche Option wird in Universität Frankfurt an der Knochenmarkstransplantation gearbeitet. Studien an Eltern Betroffener, also an den Genträgerinnen und Genträgern, zeigen ebenfalls ein häufigeres Auftreten von Tumoren als üblich. Entsprechend sind die üblichen Vorsorgeuntersuchungen für die Genträger besonders wichtig.




Gedeihen/Ernährung

Bei einigen Patienten (40-60% der Betroffenen) fällt auf, dass sie sehr klein und zart sind. Diese Wachstums- und Gedeihstörung nimmt meist während der Pubertät erheblich zu. Teilweise ist hierdurch auch die Sexualentwicklung gestört. Die Ursache hierfür ist sehr vielfältig. Bei einem Teil der Patienten liegt es an einer unzureichenden Zufuhr oder Verwertung der Nahrung. Häufiger aber liegt ein Mangel an Wachstumshormon vor, da das ATM-Gen auch die Bildung des Wachstumshormons steuert. Das Wachstumshormon reguliert fast alle wichtigen Wachstumsprozesse, wie den Aufbau der Knochen, Nerven und der Muskulatur. Zudem fördert es die Umwandlung von Körperfett in Energie. In den letzten Jahren wurden bei AT-Patienten erniedrigte Wachstumshormonwerte beschrieben, insbesondere bei AT-Patienten mit niedrigem Körpergewicht. Aktuell läuft in Frankfurt eine klinische Studie zur Untersuchung der Wachstumshormonsynthese bei Patienten mit AT (siehe aktuelle Studien).


Manchmal wird aber auch nur zu wenig gegessen, weil das Essen durch die Schluckprobleme zu anstrengend wird. Wenn das Gewicht sehr niedrig ist oder rasch abnimmt, sollte man unbedingt etwas unternehmen. Als sehr hilfreich wird eine PEG (perkutane endoskopische Gastroskopie) von Betroffenen angesehen, mit der die Nahrung unter Umgehung der Speiseröhre direkt in den Magen kommt. Schluckprobleme können dann nicht zu weiteren Schäden, etwa der Lunge, führen.


Im Zusammenhang mit AT sind zahlreiche weitere Symptome beschrieben worden. Oft sind es Einzelfälle, so dass unklar ist, ob AT wirklich die Ursache ist. Einige Merkmale sind aber sehr typisch für AT, auch wenn die Ursache völlig unklar ist. Bei allen Betroffenen ist das, Alpha-1-Fetoprotein (AFP), deutlich erhöht. Bei vielen Betroffenen liegen Hautschäden vor. Es gibt besonders viele und große braune Flecken (Café au-lait-Flecken). Braune Flecken, insbesondere wenn sie sich verändern und dunkler färben, sollten aufmerksam beobachtet werden. Sie könnten Herde für Hautkrebs sein. An anderen Stellen fehlt die Hautfarbe (Pigmentierung) ganz. Sie sind weiß. Diese Stellen sind besonders anfällig für Sonnenbrand. Liegen weiße Stellen unter dem Haar, so fehlt auch dem Haar die Farbe, es wird grau. Andere Hautschäden (kutane Graulome) wurden ebenfalls beschrieben.


Weiter wird über eine Neigung zu Zuckerkrankheit (Diabetes Mellitus, ungefähr ein Viertel der Betroffenen über 20 Jahren) berichtet. Es handelt sich um eine Sonderform mit sehr hohem Anteil an Zucker (Glukose) im Blut (Hyperglykämie). Oft besteht eine Insulinresistenz.


Wir gehen von einer durch die Behinderung nicht geänderten Intelligenz aus. Wenn in Deutschland Intelligenz mit sogenannten Intelligenztests gemessen wird, so ist dies in der Regel mit mehreren Problemen behaftet, die das Ergebnis beeinflussen, so dass man dieses bei AT-Betroffenen sehr stark hinterfragen muss. Eine aktuelle Studie zu diesem Thema wird unter der Leitung von Prof. Matthias Kieslich in Frankfurt beginnen.


Autoren

Hermann und Dagmar Stimm

Prof. Dr. Stefan Zielen